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Immer wieder sonntags: Familie Wolf steht am Ufer und winkt zurück.

Immer wieder sonntags: Familie Wolf steht am Ufer und winkt zurück.

Allsonntägliches Ritual: Nathan Wolf winkt seinen Kindern vom Schiff aus zu.

Allsonntägliches Ritual: Nathan Wolf winkt seinen Kindern vom Schiff aus zu.

Die Trennung der Familie

 

Alle Bemühungen Nathan Wolfs, gemeinsam mit seiner Familie die Heimat zu verlassen und ins Exil aufzubrechen, scheitern, zumal für seine an Tuberkulose erkrankte Frau viele Exilländer nicht mehr infrage kommen. Am 27. August 1939, fünf Tage vor Kriegsausbruch, flieht der Arzt eher unspektakulär per Kursschiff in die benachbarte Schweiz. Neben seiner »arischen« Frau und seinen beiden halbwüchsigen Kindern lässt er auch seine Mutter und die Schwester Selma in Wangen zurück.

Erst sechs Jahre später wird er in sein Heimatdorf zurück­kehren.

Während der ersten Kriegsjahre fährt Nathan Wolf jeden Sonntag mit dem Kursschiff von Stein am Rhein nach Steck­born. Für diese Ausflüge aufs Wasser gibt es nur einen einzigen Grund – er will seine Frau und die Kinder sehen, die in Wangen am Ufer stehen und ihm zuwinken:

Mein Bruder und ich sind dann ans Horn gegangen, oder, wo man sich noch viel näher gesehen hat, nach Stiegen runter, denn da fuhr das Schiff ganz nah vorbei. Die Schweizer Schiffe verkehrten während des ganzen Krieges, aber sie haben nur noch in der Schweiz angelandet. Da stand dann mein Vater und hat gewinkt und wir haben auch gewinkt. Aber ich weiß aus meinem Tagebuch aus dieser Zeit, dass wir das nicht ausstehen konnten. Wir fanden das als Kinder eine sehr lästige Sache. Nun war‘s natürlich so: Mein Vater hat sich um uns Sorgen gemacht und wollte uns sehen, während wir uns um ihn keine Sorgen gemacht haben.
Hannelore König


Stein am Rhein, Postkarte von 1940

Stein am Rhein, Postkarte von 1940

Steckborn, Postkarte von 1944

Steckborn, Postkarte von 1944

Auch diese historischen Postkarten von Stein am Rhein und Steckborn – den Endpunkten der allwöchentlichen Schiffsreise von Nathan Wolf – sind Teil der Familien-Korrespondenz.


Der „Blumenbrief“ Nathan Wolfs an seine Frau [geschrieben 1940 oder 1941] trägt sichtbar die Spuren der Zeit.

Der „Blumenbrief“ Nathan Wolfs an seine Frau [geschrieben 1940 oder 1941] trägt sichtbar die Spuren der Zeit.

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Während des Exils korrespondiert Nathan Wolf nahezu täglich mit seiner Frau und den beiden Kindern; von dieser umfang­reichen Korrespondenz hat sich aus den ersten Jahren nur eine Handvoll Schriftstücke erhalten. Der einzige voll­stän­dig überlieferte Brief an seine Frau datiert vom 23. Mai 1941; darin schreibt er:

ich habe schon einen so lieben Brief von Dir bekommen heute, dass ich ganz beglückt bin, […] Ich habe Dir gestern nur die eine Ansichtskarte geschrieben von Steckborn. Ich bin voller Hoffnung hinaufgefahren, die lieben Kinder zu sehen, wenigstens auf der Rückfahrt, aber ich bin sicher, dass Stefanele nicht vom Horn aus wenigstens einmal heimgegangen ist u. es wenigstens dem Vater gesagt hat, dass ich vorbeigefahren sei, der es dann den Kindern hätte sagen können, die doch sicher nicht erst um 5 heimgekommen sind, Beide sicher nicht. Es hat dann immer nach dem Dorf zu geguckt, als ob sie noch daher kämen. […] Also das ärgert mich an dem alefenzigen Stefanele, denn seinetwegen bin ich weissgott nicht gefahren, wenn ich es auch sonst schätze u. seine guten Eigenschaften erkenne. Ich wäre auf der Rückfahrt auch noch so schön allein gewesen auf Deck, gut, dass solche Enttäuschungen auch wieder vorüber gehen. […] Ich habe auch das Horn gemustert u. brauchte ja kaum das Fernglas wegnehmen; ich liess einfach das Taschentuch flattern für Stefane – aber ich konnte nicht alles erkennen, wenig blühende Büsche u. die Birnbäume, die gepropften, zum 1. Mal mit Blüten, die beiden grossen voller Blüten und auch die Zwetschgenbäume voll zarter weisser Blüten, die gelbe u. die grüne Bank. […]

Aber am liebsten verweile ich in unsrer Zeit, die strahlend über all‘ die Jahre hinausschaut, die ich ohne Dich verbracht habe. Erst bei Dir fängt es an, licht u. schön u. lebensvoll zu werden, u. wenn ich nicht gerade zurückschaue, so ist es, als hätte mein Leben eigentlich erst mit Dir begonnen, vorher, das war nur die Zeit, da ich mich auf m. Beruf vorbereitete u. meine Dienste u. mein Leben dem Vaterland weihte. Von all‘ dem ist nichts mehr geblieben, es ist, als ob ich nie einen Beruf gehabt hätte, nie ein Vaterland, Beide wollen von mir nichts mehr wissen, Beiden war ich mit ganzem Herzen verbunden; immer wieder bewahrheitet sich, dass Undank der Welt Lohn ist. Einzig in meiner Liebe zu Dir habe ich den Lohn gefunden, in Dir u. den Kindern, u. dass mir das Schicksal auch noch die Trennung von Euch auferlegt, das ist fast mehr als ein Mensch zu ertragen vermag. […]

Aus dem Fragment des “Blumenbriefs”:

Als ich um 10 hier ankam, machten alle große Gesichter, dass ich schon wieder da bin, […] aber Pauli sagte gleich, Sie wäret halt nochemal welle mit de Schiff fahre, item, ich bin halt da und hab‘ nur die eine große Sorge, ob ich Dich auch sehe. […] 
Ganz überglücklich hat es mich gemacht, euch alle ge[… Rest der Zeile unleserlich] und ich blieb noch so lange stehen als bis ich sah, dass auch du gingest als Letzte. Hab‘ Dank Du mein einziges Liebstes auf der ganzen Welt für Dein Kommen und Dein Winken, ich merkte und spürte ja auch Deine innigste Freude.
[am nächsten Tag:] Hier die Blümle von unterwegs gestern […]. Aus allernächster Nähe schicke ich Dir heute meine Grüße, danke Dir nochmals für Deine liebsten Briefe, die ich jetzt auf meine Reise als kostbare Reisezehrung mitnehme.

Zwischen Juli 1943 und Juni 1945 ist das Haus der Familie Wolf in fremden Händen. Die kostbare Familienkorrespondenz aus früheren Zeiten überlebt die beiden Kriegsjahre eher schlecht als recht – wie der Blick auf die traurigen Überreste zeigt, die erst Jahrzehnte später verklebt und zernagt in einem unzugänglichen Winkel des Dachbodens wieder auftauchen.

Zwischen Juli 1943 und Juni 1945 ist das Haus der Familie Wolf in fremden Händen. Die kostbare Familienkorrespondenz aus früheren Zeiten überlebt die beiden Kriegsjahre eher schlecht als recht – wie der Blick auf die traurigen Überreste zeigt, die erst Jahrzehnte später verklebt und zernagt in einem unzugänglichen Winkel des Dachbodens wieder auftauchen.

 

 
Nathan und Auguste Wolf in Stein am Rhein, April 1940

Nathan und Auguste Wolf in Stein am Rhein, April 1940

Im April 1940 kommt es zu einer letzten persön­lichen Begegnung zwischen den Eheleuten; für vier Tage erlauben die Behörden Auguste Wolf den Grenz­über­tritt, bevor sie wieder zu ihren Kindern, der Schwägerin Selma und ihrer Schwiegermutter Nanette ins Haus der Familie nach Wangen zurückkehrt.

 
 
 
Allein in Wangen: Auguste Wolf mit ihren Kindern

Allein in Wangen: Auguste Wolf mit ihren Kindern

Hannelore und Gert Wolf

Hannelore und Gert Wolf

Hannelore und Auguste Wolf

Hannelore und Auguste Wolf

 

 
Nathan Wolf, allein im Exil, irgendwo in den Schweizer Bergen

Nathan Wolf, allein im Exil, irgendwo in den Schweizer Bergen

Im Vergleich zu seiner Familie, die er in Deutschland zurücklassen musste, geht es Nathan Wolf in der Schweiz gut – seine größten Probleme sind Einsamkeit und die verordnete Untätigkeit.


Im engmaschigen Netz der Korrespondenz, mit dem die Familie Wolf den Kontakt zueinander aufrecht­erhält, ist die Tochter Hanne­lore eine Partnerin auf Augenhöhe. Nur wenige ihrer ausführlichen Briefe sind überliefert, darunter dieser liebevoll illus­trierte Bild­brief vom Sommer 1941.

Wangen, den 10. August 1941

Lieber Pappi!

Nun hast du leider doch das scheussliche Bild von mir bekommen. Mutti hat es abgeschickt, ohne dass ich es wusste, sonst hätte ich es nämlich vorher zerrissen. Denke nun bloss nicht, dass ich etwa so aussehe, schöner bin ich nicht, aber so wüst grad auch nicht. Ich habe es extra für die Kennkarte machen lassen. Heute musste ich beim Gendarm die Fingerabdrücke machen lassen, den linken und den rechten Zeigefinger je 4 mal. Die Kennkarte bekam ich auch, mit dem schrecklichen Bild darauf. Sie gilt 5 Jahre, aber ich lass mir vorher eine neue machen.

Übrigens, hast Du schon gehört, dass der ältere Sohn vom Bürgermeister Keller aus Gaienhofen gefallen ist? Er war erst 20 ½ Jahre alt. Jetzt haben sie bloss noch einen Buben, den Eugen, der im Schloss in die Schule ging. Er ist so alt wie Günther Haug. Als ich Herrn Keller neulich sah, sah er ganz verheult aus. Aber er hat ja immer so ein rotes Gesicht.


Auguste Wolf und Stefane Stöckle am Horn, ca. 1940

Auguste Wolf und Stefane Stöckle am Horn, ca. 1940

Stefane Stöckle und Hannelore Wolf am Horn, ca. 1940

Stefane Stöckle und Hannelore Wolf am Horn, ca. 1940

Das zweite treue Dienstmädchen der Familie Wolf, Ida mit ihrem Mann Pankraz Löble

Das zweite treue Dienstmädchen der Familie Wolf, Ida mit ihrem Mann Pankraz Löble


 
Auguste Wolf in St. Blasien

Auguste Wolf in St. Blasien

Ihre letzten Lebensjahre verbringt Auguste Wolf, die seit Anfang der dreißiger Jahre an Tuberkulose erkrankt ist, vorwiegend in Sanatorien; zuhause halten die treuen Dienstmädchen Stefane Stöckle und Ida Löble die Stellung und versorgen die halbwüchsigen Kinder.

Ich hatte auch eine sehr liebe Mutter, die halt sehr geplagt war von Sorgen. Ich frag mich heute manchmal, wie sie das überhaupt ausgehalten hat: Mann weg, kein Geld da, die Krankheit, und dieses Deutschland auf der Siegerschiene …  Ich glaube, meine Mutter ist nicht nur an der Tuberkulose, sondern auch an Kummer und Sorgen gestorben. Ganz bestimmt.


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d.1.I.1942

Nun ist das alte Jahr Gott sei Dank vorbei, aber wer weiß, ob das neue besser wird. Man hofft zwar immer, und das ist gut. Denn ohne Hoffen könnte man das Leben ja garnicht ertragen. Euch Allen vieren wünsche ich von ganzem Herzen ein gutes neues Jahr, Ihnen liebe Stefane, daß Sie wieder ganz gesund werden u. Ihnen lb. Ida, daß Sie endlich für die lange Wartezeit belohnt werden u. mit Ihrem guten Pankraz für immer zusammen sein dürfen. Euch, lieben Kindern, noch ein extra inniges Neujahrküßchen. Ich war gestern nachmittag in Gedanken immer bei deinem Geburtstagskaffee mein gutes Lörle  u. hoffe, dass er nett u. gemütlich war u. nicht  so langweilig, wie als bei Ascher’s. Und ob Ihr dann am Abend aufgeblieben seid? Hier hatten sich alle Patienten von dieser Station im Tagesraum versammelt mit den Schwestern, bekamen Glühwein u. Kuchen, lasen lustige Sachen vor und sangen Lieder. Ich hätte ja nicht aufstehen können, aber selbst wenn, so wäre ich doch nicht gegangen.
Auguste Wolf an ihre Kinder

Am 2. September schreiben Mutter und Tochter einander – Auguste Wolf wird den Brief ihrer Tochter nicht mehr erhalten.

Mittwoch, d. 2.IX.42

Liebes Brüderle! Liebes Lörle!
Nun hat sich endlich mein Wunsch erfüllt, und ich habe von Dir, liebes Brüderle, Post gehabt. Ich habe Deine Karte schon mehrmals gelesen. […] Mir geht es immer gleich. Augenblicklich habe ich viel weniger Atemnot, kann dafür aber nachts nicht schlafen und habe dann jeden Morgen solch ein Kopfweh, daß ich meine, ich würde verrückt. Der Appetit läßt auch augenblicklich sehr zu wünschen übrig. Gestern machte der Chefarzt Visite, fühlte meinen Puls und untersuchte mein Herz. Er sagte, das Herz habe sich seit der letzten Untersuchung nicht verschlechtert. Fieber habe ich jeden Tag bis 38 oder 38,2, und oft ist es mir todschlecht. Das soll vom Herzen herkommen. Ich bin ja so froh an Eurer Post und bekam vorgestern noch einen Brief von Großvater und einen von Elly. […]
Euch beiden vielen, vielen Dank und inniges Küßchen
Eure Mutti

»Adressat verstorben«. Wenige Tage nach deren Tod erhält Hannelore Wolf ihren letzten Brief an die Mutter ungeöffnet zurück.

»Adressat verstorben«. Wenige Tage nach deren Tod erhält Hannelore Wolf ihren letzten Brief an die Mutter ungeöffnet zurück.

Dann kam meine Mutter in eine Lungenklinik nach Heidelberg-Rohrbach und am Schluss nach Nordrach, und in Nordrach ist sie am 4. September 1942 gestorben. Sie kam in einem Zinksarg zurück, und hier in Wangen auf dem Friedhof liegt sie begraben.  

Nun waren mein Bruder und ich allein. Ein paar Tage nach dem Tod meiner Mutter kam ein Brief, den ich ihr nach Nordrach geschrieben hatte, mit dem Vermerk »Empfänger verstorben« zurück. Ich habe den Brief jahrelang aufgehoben, aber nie das Herz gehabt, ihn zu öffnen.

Der Kassiber: Brief von Hannelore an Nathan Wolf; 16. September 1942

Der Kassiber: Brief von Hannelore an Nathan Wolf; 16. September 1942

Ein letztes Mal wird nach dem Tod der Mutter die Möglich­keit einer legalen Einreise in die Schweiz sondiert. Dazu spricht die 16jährige Hannelore mit Rechtsanwalt Paul Schleich, einem Jugendfreund des Vaters und Berater der Familie. Im Brief vom 16. September 1942 berichtet sie ihrem Vater.

Nun muss er aber, um für uns eintreten zu können, einen Auf­traggeber haben. Du kannst nicht Auftraggeber sein, da er sich nicht für Dich einsetzen darf. Für die Erledigung bei den hiesigen Stellen bist Du also völlig passiv. Auch in der Schweiz darfst Du nicht als Veranlasser gelten, da die Behörden zusammen konferieren. Du vertrittst nur unsere Sache in der Schweiz. Gert u. ich können auch nicht auftraggebend sein, da wir minderjährig sind. Der Vormund ist auch noch nicht amtlich und so bleiben als einzige Personen Gross­vater u. Tante Elli. Allerdings sind diese nicht erziehungs­berechtigt an uns, also ob sie als Auftraggeber gelten, weiss Paul nicht. Andern­falls müsste man warten, bis Georg [Tränkle] amtlich eingesetzt ist.

Der auf Transparentpapier geschriebene Brief wurde vom ursprüng­lichen DIN A5-Format vierfach auf win­zig­ste Größe zusammenge­faltet und von einem gehei­men Kurier befördert. Erich Böhni, der in Öhningen lebte, aber in Singen arbei­tete und täglich mit dem Rad durch die Schweiz zur Arbeit fuhr, depo­nierte das Briefchen (und immer wieder auch andere Dinge) für Nathan Wolf an einer verab­redeten Stelle. Dieser Transportweg funktionierte auch in umgekehr­ter Richtung.

Für seinen mutigen Einsatz wurde Erich Böhni mit KZ-Haft bestraft.